Bologna – Ein unvollendeter Prozess

Der Bologna-Prozess ist kein misslungener Prozess, sondern schlicht und einfach ein unvollendeter.

Knapp 2,7 Millionen Studierende in Deutschland lernen und streben nach nun standardisierten Studienplänen, Modulhandbüchern und Vergleichswerten. Das European Credit Transfer System (ECTS) oder das Diploma Supplement haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Basis der Studienabschlüsse über den Kontinent vergleichbar und reproduzierbar ist. Kontinuierliche Akkreditierungs- und Qualitätssicherungsverfahren haben die Überwindung von sowohl strukturellen Lernbarrieren als auch sozialen Resistenzen gegenüber Veränderung überwinden können.

Aktuelle Studienbefragungen zeigen, dass sich die allgemeine Studienzufriedenheit gegenüber der Zeit vor Bologna um 14 Prozentpunkte in eine ”zufriedene” Mehrheit entwickelt hat (Bargel etc. al.,2007; DZHW, 2016; Statista, 2017). Obwohl sich die Regelstudienzeitüberschreitungen erhöht haben, konnte durch Regelstudienzeitreduzierungen die Realstudienzeit spürbar gesenkt werden. Umgekehrt wird die frei gewordene Zeit verstärkt für Austausch oder Praxissemester eingesetzt. Die Kultusministerkonferenz wünscht, dass bis 2020 50% der Studierenden in höheren Semestern über Auslandserfahrung verfügen. Aktuell besitzen 34% aller Absolventen Auslandserfahrung. Abhängig davon, wie stabil die Freizügigkeit der EU bleibt, könnten die erhofften Werte der KMK für 2020 sogar übertroffen werden.  Zusätzlich ist die Diskrepanz zwischen realer und nach ECTS vorgegebener Arbeitslast ein Thema vieler Diskussionen (DAAD, 2010). Zwar entspricht die Aufteilung der Arbeitslast über das Semester mit 20h-27h/Woche nicht den geplanten 42h/Woche der Bologna Reform, allerdings führt die Bündelung von Leistungsüberprüfungen in Prüfungsphasen zu einer starken Erhöhung der Arbeitslast vor den Prüfungen. Diese als sehr stressreiche Zeit wahrgenommene Phase belastet die physische und mentale Gesundheit vieler Studierender. Mögliche Lösungen sind, neben der Sicherstellung kompetenzorientierten Prüfens, eine erhöhte Varianz an Prüfungsformen und -zeiten.
Ein weiterer für Studierende wichtiger Aspekt liegt in der konkreten Ausgestaltung der jeweiligen Studiengänge. Hierbei spielen die Punkte Wahlfreiheit und Interdisziplinarität eine zentrale Rolle. Letztere nimmt sowohl in der Wissenschaft als auch im Berufsleben einen immer größeren Stellenwert ein. So schätzen auch Studierende fächerübergreifendes Denken als eine wichtige Kompetenz (85,4%), aber ein Großteil empfindet die Förderung dieser als nicht gut genug (65%), (DZHW, 2016). Seit den Anfängen der Bologna Reform kann man ein verstärktes Angebot an interdisziplinaren Modulen beobachten, allerdings liegen hier noch vielerorts ungenutzte Potentiale, insbesondere in der Nutzung von Lern-synergien. Ebenso ist darauf zu achten, dass durch das Ziel Studiengänge zeitlich zu straffen, dies nicht auf Kosten der Wahlfreiheit geschieht.

Ein Studium, auch ein Graduiertenstudium, an einer Hochschule soll Studierende auch an das wissenschaftliche Arbeiten und die dazu notwendigen Methoden heranführen. Inkonsistente und überfrachtete Lehrpläne sollten nicht dazu führen, dass Studierende ohne ausreichende Ausbildung und Betreuung wissenschaftliche Arbeiten ablegen müssen. Teilleistungen neben Hauptprüfungen im Hausarbeitscharakter sollten auf Abschlussarbeiten vorbereiten und Studierende mit der Thematik vertraut machen.
Eines der Ziele von Bologna war die Steigerung der Mobilität im europäischen Hochschulraum. Grundsätzlich ist es für viele Studierende attraktiv, ein oder mehrere Semester im Ausland zu verbringen, jedoch besteht auch hier ein gewisses Entwicklungs- und Erleichterungspotential. So erschwert beispielsweise die unvollendete praktische Implementierung einer einheitlichen Notenskala die Anrechenbarkeit von Prüfungsleistungen im und aus dem Ausland. Desweiteren führen unterschiedliche Prüfungszeiträume dazu, dass vor Beginn des Auslandssemesters kein Antritt zu allen Prüfungen möglich ist. Auf Grund des Fehlens eines einheitlichen Bewerbungsverfahrens sind die Studenten in ihrer Wahl des Auslandsaufenthaltes hauptsächlich auf die Partneruniversitäten beschränkt. Um die zuvor vorgetragenen Aspekte zu adressieren, fordert die BuFaK WiSo, andere hochschulpolitische Konferenzen, wie die KMK, HRK, WISOFT und BDK, dazu auf zu prüfen was aus Ihrer Sicht in Deutschland und in Europa noch reformiert werden muss, um die folgenden Maßnahmen und Ziele umsetzen und erreichen zu können.

Vereinheitlichung des europäischen Hochschulsystems zur Förderung von Auslandssemestern

Durch eine weitere Vereinheitlichung der europäischen Bildungssysteme sollen die Hürden für Auslandssemester reduziert und die Attraktivität gesteigert werden. Hierzu muss die Implementierung einer europaweit einheitlichen Bewertungsskala vorangetrieben werden, um dadurch die Anrechnung von im Ausland erbrachten Leistungen zu vereinfachen. Darüber hinaus müssen die Semester- und Prüfungszeiträume europaweit weiter vereinheitlicht werden, um einfache Übergänge zum Auslandssemester zu ermöglichen. Daher fordern wir, die Semesterzeiten der deutschen Hochschulen an die internationalen Standards anzugleichen. Die Einführung eines europaweit einheitlichen Bewerbungssystems erhöht die Freizügigkeit der Studierenden im europäischen Hochschulraum und erleichtert den Zugang zu Auslandssemestern.

Durch das Angebot von europaweit vereinheitlichten und über das Semester verteilten, auch neuen, alternativen Prüfungs- und Lehrformen sollte der, bislang auf die Prüfungszeit fokussierte Arbeitsaufwand, entzerrt und über das gesamte Semester verteilt werden. In einer Zeit, in der die Identifizierung von Akademikern mit gemeinsamen Werten die Zukunft Europas verteidigt, fordern wir, allen wirtschaftswissenschaftlichen und den Studierenden anderer Fachbereiche den Zugang zu einem Auslandssemester bzw. gleichwertigen Ersatzleistungen zu ermöglichen und diesen möglichst zu vereinfachen und europaweit zu vereinheitlichen.

 

 

Literatur:
DAAD, 2010, Arbeitsbelastung und Credits im Kontext des ECTS, DAAD, https://www.uni-rankfurt.de/53743352/workload_arbeitsbelastung_und_credits.pdf Bargel, T., Müßig-Trapp, P. und Willige, J., 2008, Januar. Studienqualitätsmonitor 2007. In Studienqualität und Studiengebühren. HIS: Forum Hochschule (Vol. 1, p. 2008).
DZHW, 2016, Dezember. Randauszählung – Studienqualitätsmonitor 2016.
2012 C. Metzger, R. Schulmeister, Der tatsächliche Workload im Bachelorstudium. Eine empirische Untersuchung durch Zeitbudget-Analysen Statista 2017, Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrer aktuellen persönlichen Situation? URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/13389/umfrage/allgemeine-zufriedenheit-von-studenten/

 

 

Verabschiedet auf der Sommer-BuFaK 2017 in Karlsruhe
Aktualisiert auf der Winter-BuFaK 2017 in Ansbach